Zu naiv?

Ausgelöst von der Frage nach Klischees und zu naiven Protagonistinnen in einer Autorengruppe habe ich mir mal ein paar Gedanken zu dem Thema gemacht. Denn meine neue Prota Charis passt in vielerlei Hinsicht genau ins Klischee der naiven Protagonistin, die in eine überfordernde Situation hineingeworfen wird.

Was also ist Naivität und warum verabscheuen wir sie so sehr?

Aus meiner Sicht gibt es zwei Charakterzüge, die gleichermaßen als Naivität bezeichnet werden, obwohl sie vollkommen verschieden voneinander sind.

Einmal ist da die naive junge Frau, die ein festgefahrenes Rollenbild hat und keinerlei eigene Meinung und die sich deshalb von allen rumschubsen lässt. OK, da verstehe ich durchaus, warum sie keine attraktive Protagonistin abgibt. :-)

Die Art von ‘Naivität’, die ich in meiner Geschichte verwende, ist eine andere. Charis zum Beispiel wirkt phasenweise sehr unbedarft im Verhältnis zu den anderen Charakteren, einfach deshalb, weil sie unter partieller Amnesie leidet und ein Großteil der gesellschaftlichen Indoktrination spurlos an ihr vorbeigegangen ist. Aus diesem Grund handelt sie in vielen Situationen grundverschieden von denen ‘die Bescheid wissen’. Das könnte man durchaus als Naivität bezeichnen. Doch im Grunde ist es nur eine Frage der Perspektive. Aus Sicht der anderen ist sie naiv, weil sie keine Vorurteile hat. Wenn naiv in diesem Fall unbefangen und arglos bedeutet, lasse ich es gelten. :-)

Ich weiß gar nicht, wie häufig ich selbst schon als naiv bezeichnet wurde, weil ich ‘die harte Realität’ so nicht als einzige Wahrheit sehen wollte. Diese Naivität hat mir mein Leben gerettet und mich stets geführt und genau das wird sie auch für Charis tun. Ohne ihre ‘Naivität’ würden meine anderen Protas nicht einmal 100 Seiten weit kommen, ohne sich blutige Nasen zu holen. In diesem Sinne: Ein Hoch auf die Naivität.