Wie die kleine Möwe das Loslassen lernte

Es war einmal eine kleine Möwe. Sie war das jüngste von drei Geschwisterkindern, da sie etwas länger gebraucht hatte, um ihr Ei zu verlassen. Dafür war sie aber mächtig stolz auf das perfekt runde Loch, welches sie in die Schale gehauen hatte.

Das Leben war nicht einfach für unsere kleine Möwe. Das Nest, in dem sie aufwuchs, klebte an einer Steilwand wie ein Pilz an einem Baum und es wackelte ganz schön, wenn der Wind darüber hinwegpfiff. Die Geschwister der kleinen Möwe machten sich nichts daraus. Sie tobten und zankten und kamen dem Abgrund manchmal sehr nahe. Die kleine Möwe konnte jedoch nur denken, wie viel Luft unter dem Nest war und dass da unten der dunkle Ozean brüllte.

So saß sie immer im hinteren Teil des Nestes, machte die Augen zu und versuchte, nicht an die Zukunft zu denken.

Die Zeit verging und der kleinen Möwe wuchsen Federn, doch ihre Sorgen und Ängste ließen sich nicht so leicht abstreifen wie ihr Babykleid. Der Möwenvater begann sich Sorgen zu machen. „Wie soll sie jemals fliegen lernen, wenn sie nicht einmal in einem Nest sitzen kann“ sagte er zur Möwenmama und klapperte aufgeregt mit dem Schnabel.

Doch die Möwenmama lächelte nur.Loslassen

Als endlich der große Tag kam, hatte die kleine Möwe die ganze Nacht vor Aufregung nicht geschlafen. Sie hatte versucht, sich theoretisch einzuprägen, wie das mit dem Fliegen funktionieren musste – vorbereitet sein war schließlich das halbe Leben. Immer wieder schloss sie die Augen und stellte sich die Flügelschläge vor. Auf – ab – auf – ab – ja, so musste es gehen.

Die Geschwister verschwanden beim ersten Lockruf der Eltern vom Nestrand und die kleine Möwe hörte ihre begeisterten Schreie von der Steilwand widerhallen. Irgendetwas an diesem Fliegen musste gut sein, vielleicht sogar Spaß machen. Die kleine Möwe trat an den Nestrand und atmete tief ein.

Als sie sich schließlich in die Luft fallen ließ, war dies das Mutigste, was sie je getan hatte. Der Wind fuhr in ihre Flügel und zerrte an ihrem Gefieder. Die Gischt leckte nach ihrem Bauch.

Auf – ab – auf – ab. Die kleine Möwe schlug angestrengt mit den Flügeln. Irgendwie schaffte sie es, nicht in den Ozean zu fallen. Aber Spaß machte das Fliegen nun wirklich nicht. Es war anstrengend und man durfte keine Sekunde in der Konzentration nachlassen. Überall war Gefahr. Die Flügel, die nicht richtig schlagen konnten, die unerbittliche Steilwand, das wilde Wasser mit den gierigen Fischen darin.

Und das sollte das Leben sein?

Die kleine Möwe landete stolpernd auf einem Felsen und faltete die Flügel zusammen. Eine große Traurigkeit überkam sie und sie wünschte sich von Herzen, nicht als Möwe geboren worden zu sein. Vielleicht ein Fisch? Ja, ein Fisch zu sein, wäre viel besser, denn die konnten nicht so tief fallen.

Die Möwenmama drehte noch ein paar elegante Loopings und landete dann neben ihrer Tochter. Gemeinsam sahen sie den beiden anderen Möwenkindern bei ihren immer eleganteren Flugversuchen zu.

„Mama“ sagte die kleine Möwe schließlich. „Ich glaube, ich bin keine gute Möwe.“

„Ach Kleines“ Möwenmama rieb ihren Kopf über den Hals der Tochter. „Du bist klüger als deine Geschwister, weil du die Gefahr wahrnimmst, die sie gar nicht sehen. Nun musst du nur noch deinen Mut finden und loslassen.“

„Aber ich bin nicht mutig genug“ widersprach die kleine Möwe.

„Mut bedeutet nicht, dass du keine Angst hast“ lächelte Möwenmama. „Es bedeutet bloß, dass dein Vertrauen ins Leben größer ist als deine Bedenken. Du denkst, der Wind ist dein Feind, weil er die Macht hat, dich gegen die Felswand zu schleudern. Aber er kann dich auch in ferne Länder tragen. Er kann dir Nahrung bringen und dich das Fliegen genießen lassen. Du kannst nicht beeinflussen, was er tut, ob er dich behütet oder umbringt. Doch wenn du dich ihm widersetzt, wirst du unter jedem Flügelschlag leiden.

Überlasse dich dem Wind und er wird deine Seele zum Jauchzen bringen.

Vertraue der Gischt, und ihre Perlen werden dein Gefieder zum Leuchten bringen.

Vertraue dem Leben und dir selbst. Das ist die einzige Sicherheit, die du hast.“

„Aber wie kann ich loslassen, wenn ich mir nicht sicher bin, was der Wind als nächstes macht?“ fragte die kleine Möwe skeptisch. „Vielleicht kann ich nicht mehr fliegen, wenn ich meine Flügelschläge nicht zähle? Außerdem kenne ich den Wind doch noch gar nicht und weiß nicht, wann es gefährlich wird. Und ich muss erst noch herausfinden, wie weit diese großen Fische da unten springen können. Nein, ich denke, das mit dem Loslassen mache ich erst, wenn ich alles im Griff habe.“

Die Möwenmama lächelte.

„Der Wind weht jeden Tag anders, mein Kind. Die Wellen sind unberechenbar und niemand weiß, wie hoch diese Fische springen können. Du kannst dein ganzes Leben mit angestrengtem Fliegen verbringen ohne jemals alles im Griff zu haben.“

„Wie soll ich daran glauben, dass mir nichts passiert, wenn ich loslasse?“ jammerte das Möwenkind.

„Du kannst es nicht vorher wissen, du musst es ausprobieren“ erwiderte die Mutter.

Die kleine Möwe atmete ein und aus und ein und aus. Das Leben war wirklich schwierig. Sie flatterte wieder los, ängstlich auf jeden Flügelschlag bedacht.

„Lass los“ hörte sie die Stimme ihrer Mutter. „Lass dich in die nächste Böe fallen und sieh, was passiert.“

Und die kleine Möwe ließ sich fallen.

Plötzlich fühlte sich der Wind gar nicht mehr hart und unfreundlich an. Wild umschmeichelte er ihre Flügel und trug sie federleicht davon. Ein jauchzendes Krächzen kam aus ihrem Schnabel, als sie auf die glitzernde Wasseroberfläche zuraste, um im letzten Moment von einem Aufwind aufgefangen zu werden.

Die kleine Möwe schnappte nach Luft. Der Wind hatte sie gerettet. Er hatte sie nicht fallengelassen. Und das, obwohl sie losgelassen hatte.

Das Leben konnte schön und leicht sein. Und das Fliegen konnte Spaß machen!

Die kleine Möwe lachte perlend und flog zu ihrer Mama zurück. Sie schwor sich, von nun an immer dann loszulassen, wenn ihr Leben schwer und anstrengend wurde.

Denn nun wusste sie, dass es möglich war. Sie wusste, dass auch sie loslassen konnte und dass es sich lohnte. Sie besaß nun die kostbare Erinnerung an einen schwerelosen Flug durch schweren Wind. Und sie hatte begriffen, dass Vollkommenheit nur möglich war, wenn sie damit aufhörte, sie erzwingen zu wollen.

Kreativität und Loslassen

Verkrampfst du dich manchmal allzu sehr und arbeitest ausschließlich mit dem Verstand? Diese Tipps können dir dabei helfen, das Loslassen in deine kreative Praxis zu integrieren und wieder in den Flow zu kommen.

  1. Erkenne die Tatsache an, dass du nicht die höchste Kraft in diesem Universum bist und daher nicht alles beeinflussen kannst.

  2. Finde ein für dich passendes Ritual des Loslassens: Ein Glas, in das du deine Sorgen wirfst, ein Feuer, ein Gebet…

  3. Versuche dich weniger als Ego, das unbedingt etwas aus eigener Kraft schaffen will, zu sehen, sondern eher als Medium, durch welches die kreative Kraft dieser wunderbaren Welt fließt.

  4. Mache Pausen, in denen du bewusst das emotionale Loslassen deiner Projekte trainierst. Finde heraus, welche Tätigkeit dir besonders gut beim Loslassen hilft (Meditieren, spazieren gehen, mit Freunden reden…) und baue diese Tätigkeit regelmäßig in deinen Alltag ein.

Dies ist ein Beitrag zur Blogparade ‘Loslassen’ von Manuela Csikor von Herzcoaching.jetzt. Dort ist mächtig etwas los und du findest viele interessante Beiträge zum Thema. Schau doch mal vorbei!

Und du? Kannst du die kleine Möwe verstehen oder fällt dir das Loslassen leicht? Welche Tipps und Tricks benutzt zu, um das Loslassen ins Leben zu integrieren?

PS: Loslassen ist auch Thema meiner 21-Tage-Challenge ‘Befreie deine kreative Energie’ Hier geht’s zur Anmeldung.

Lass uns gemeinsam Schwellentrolle jagen!

Liebe Grüße,

Marie