Warum du deinen Roman nie anfangen wirst – und was du dagegen tun kannst

Ein Gastbeitrag von Barbara Drucker

Du hast da diese Geschichte im Kopf. Wenn du gerade unter der Dusche stehst, ist die Szene so richtig plastisch. In der Straßenbahn fliegen die Dialogpointen nur so hin und her, eine Screwball-Comedy ist nichts gegen den Schlagabtausch zwischen deiner Heldin und ihren Kollegen. Sie heizt ihnen richtig ein – und du hast natürlich kein Notizbuch dabei. Und ins Smartphone diktieren? Nein, danke, auf die schiefen Blicke der anderen Passagiere kannst du gerne verzichten. In der Arbeit hat es dich dann endgültig erwischt, deine Szene läuft wie ein Film vor dir ab. Bis der Chef anruft und sagt, dass er jetzt aber wirklich den Bericht braucht und die Diagramme auf Powerpoint und zehnfach ausgedruckt. In Farbe.

Spätestens jetzt weißt du, dass dich nichts vom Schreiben abhalten kann. Dass Schreiben deine Berufung ist und dein Chef sich in ein paar Monaten seine Diagramme selbst machen kann. Du flitzt nach Hause, wirfst die Schuhe in den Schrank, den Mantel auf den Haken und jetzt nichts wie an den Computer.

In diesem Moment bist du absolut verletzlich

Endlich ist der Computer hochgefahren, du öffnest dein Schreibprogramm, lässt die Finger knacken und … Nichts. Gähnende Leere. Alles weg. Vor dir ein großes, leeres, weißes Blatt. Du ziehst die Finger von der Tastatur zurück und gehst erst mal in die Küche Tee kochen. Oder gleich ein Abendessen. Du bist müde vom Büro, kein Wunder, dass die Gedanken nicht sprühen.

Außerdem kannst du diese hollywoodreife Szene ohnehin nicht so niederschreiben, wie du sie im Kopf hast. Und überhaupt, das ist eine Szene, wer liest schon eine Szene? Stimmt übrigens. Leser suchen zu 90 % Romane, dass du deinen Brotjob an den Nagel hängen und von Lyrik und Kurzgeschichten leben kannst, ist nicht unmöglich aber relativ unwahrscheinlich.

Marie würde jetzt sagen, der Schwellentroll sitzt gemütlich da, mit übergeschlagenen Beinen, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, grinst dich an und schnurrt zufrieden. “Siehst du, ich habe es ja immer gewusst. Mach deine Exceltabellen und Grafiken für den Chef, das zahlt wenigstens unsere Miete.” Ist eh irgendwie ok, denkst du dir. Schreiben wird halt ein Hobby, deine Freunde werden deine Szene dir zuliebe vielleicht lesen, wenn du Glück hast auch deine Familie. Und du kannst sie ja immer noch als “Leseprobe” auf Facebook hochladen, auch so hast du ein Publikum.

Bist du verrückt?!

Stopp. Zurückspulen. Szene auf Anfang. Du willst jetzt wirklich aufgeben, nur weil dich eine leere Datei anstarrt? Und was ist mit den Bildern unter der Dusche, mit den genialen Wortwechseln aus der Straßenbahn und dem Feeling im Büro? Das willst du wegen eines einzigen, schwachen Augenblicks unter deiner Schuhsohle zerreiben?!

Jetzt hör mir mal zu. Du hast Angst, und Angst ist völlig normal. Angst hat jeder Schriftsteller vor einem neuen Projekt. Auch mir geistern Sorgen im Kopf herum, ob ich aus einem Einfall je einen kompletten Roman machen kann. Glaube mir, ich habe mindestens zehn faszinierende Ideen auf meiner Festplatte, die noch nicht einmal so ausgegoren sind wie deine Einzelszene.

Du scheiterst nicht am Schreiben, du scheiterst an der fehlenden Vision

Eine Idee ist ein Keim. Deine Szene ist ein Keim, der erst sprießen und wachsen muss. Von einer Szene, die dich beschäftigt, auszugehen, ist eine großartige Idee. Halte diese Szene fest, schreib sie dir von der Seele. Irgendwie, ohne Anspruch auf Perfektion, denn du wirst sie noch mindestens fünfmal überarbeiten, vielleicht sogar ganz umschreiben.

So, und wenn das erledigt ist, dann überlegst du dir, was zu dieser Szene geführt hat oder wie es von da aus weitergeht. Und dann ziehst du das Netz weiter und weiter. Dafür eignet sich übrigens sehr gut das Clustering, du wirst sehen, die Verbindungen ergeben sich immer schneller und entwickeln eine gewaltige Eigendynamik.

Damit dir morgen nicht dasselbe passiert – du weißt schon, tolle Szenen und dann in der Freizeit das Brett vor dem Kopf – nützt du die jetzt freigesetzten kreativen Energien und arbeitest an deiner Vision von deinem Roman.

Lege dir einen Konzeptordner an

Ob du ihn als altmodischen, realen Ordner führst (Haptik hat durchaus etwas für sich) oder elektronisch, bleibt dir überlassen. Beides hat Vor- und Nachteile. Viel wichtiger ist jedoch, womit du den Ordner füllst:

Deine Schlüsselszene kommt natürlich hinein und der Cluster, den du gerade entworfen hast (wenn du elektronisch arbeitest, scanne ihn ein). Als Nächstes widmest du dich dem Wichtigsten deiner Geschichte, den Figuren.

Nimm dir deine Szene her und sieh dir die Figuren darin an. Nun beschreibe sie. Nein, nicht, dass er schwarze Haare, ein markantes Kinn und Sixpacks hat, sondern seinen Charakter. (Klischees sind übrigens eine Sache, über die wir uns noch ein anderes Mal unterhalten sollten.) Gönne dir einen ganzen Abend für eine Figur, es geht nicht darum, schnell fertig zu werden. In meinem kostenlosen Crashkurs In 60 Minuten zur komplexen Figur stelle ich dir ein Fact-Sheet zur Verfügung, das dir eine Menge Fragen stellt und dir die Charakterisierung erleichtert.

Barbara Drucker

In weiterer Folge gibst du in den Ordner Recherche-Schnipsel, Websitelinks und sonstige Quellen. Geistesblitze. Skizzen oder Notizen zu einzelnen Szenen. Und natürlich den Plot.

Plotten oder Bauchschreiben?

Äh, muss ich plotten? Gute Frage, und nein, du musst natürlich gar nichts. Die Wahrheit ist, dass jeder Autor anders tickt und du am besten selbst herausfindest, was dir liegt. Es geht auch nicht um entweder oder, ich selbst bin zum Beispiel ein Mischtyp. Ich plotte, lasse mir aber auch genügend Freiheiten für Spontaneinfälle. Was ich oben angerissen habe, ist meine Lieblingsmethode beim Plotten, die Schlüsselszenen-Methode. Sie ist eine Möglichkeit, deinen Roman zu entwickeln.

Ob du einen Roman komplett durchplanst, bevor du das erste Wort schreibst, oder ob du die Handlung während des Schreibprozesses erfindest, bleibt also dir überlassen. Trotzdem empfehle ich dir, sie zumindest in groben Zügen zu skizzieren. Du merkst dadurch nämlich sehr früh, was funktioniert und was nicht, und musst später nicht hundert Seiten wegwerfen, weil du dich in eine Sackgasse geschrieben hast. Überlege dir zumindest das auslösende Moment, also das, was die Handlung in Gang setzt, deine Wendepunkte und vor allem den Schluss. Du musst noch nicht genau wissen, wie dein Roman ausgeht (für “Das Gift der Schlange” hatte ich drei potenzielle Schlüsse), aber du solltest die Schlussszene kennen, denn auf sie steuert der ganze Roman zu.

 

Barbara Drucker
© Kopainski Artwork

Noch ein praktischer Tipp: Wenn du einen Ringordner verwendest, skizziere jede Szene auf einem eigenen Blatt, so kannst du sie leicht verschieben. Ich arbeite mit Scrivener und lege mir auch hier jede Szene als einzelne Datei an, die ich nach Belieben im Projektordner herumschieben kann.

Nie wieder Panik vor dem Computer

Wofür ist so ein Konzeptordner nun gut? Jetzt kommst du von der Arbeit nach Hause, fährst den Computer hoch, lässt die Finger knacken … und haust in die Tasten. Dir schwirrt nicht mehr das unbekannte 300-Seiten-Monster im Kopf herum, sondern in deinem Ordner sind lauter kleine, überschaubare Häppchen, die du abarbeiten kannst. Du turnst dich von Szene zu Szene oder wenn mal wenig weitergeht von Absatz zu Absatz.

Jetzt hast du einen Plan. Jetzt hast du eine Vision und ahnst, wie dein fertiger Roman ausschauen kann. Und die Ungeduld, bald zu der oder der Szene zu kommen und das alles auf Papier oder Bytes zu bannen, ist durch nichts zu entsetzen. Jetzt bist du im Flow!

Viel Spaß beim Schreiben!

© Fotostudio Floyd
© Fotostudio Floyd

Barbara Drucker schuf mit dem charismatischen Marchese della Motta einen Spion, dessen Degen so scharf ist wie sein Verstand und seine Zunge. Während er zwischen Geheimbünden und Hofschranzen ficht, hilft sie auf Aventiure – Das Abenteuer Schreiben Jungautoren, auch ihre Romane zu Pageturnern zu machen.

www.aventiure.at

 

Plotten oder einfach drauf los schreiben – was findest du besser? Schreib uns doch einen Kommentar. :-)

Lass uns gemeinsam Schwellentrolle jagen!

Liebe Grüße,

Marie