Schnipselzeit Nr. 5

Textschnipsel

Sie setzte sich kerzengerade auf und lauschte aufmerksamer. Das Geräusch, das von Faymers Schlafstatt zu ihr hinüberdrang war leise, aber es sorgte dafür, dass sich die Härchen auf ihren Armen aufstellten. Wie eine Mischung zwischen dem Fauchen eines in die Enge getriebenen Tieres und dem Jammern eines Kindes. Die Hoffnungslosigkeit, die dieser Laut ausstrahlte, war beängstigend und er wurde bestetig lauter. Mittlerweile flüsterte der Jadhorani auch erstickte Worte in seiner Muttersprache und sie war fast froh, sie nicht verstehen zu können. Vorsichtig, um Garec, der dicht neben ihr lag, nicht in seinem Schlaf zu stören, kroch sie zu ihm hinüber.

Der Jadhorani atmete hektisch, sein dem Feuerschein zugewandtes Gesicht war verkrampft als leide er unter entsetzlichen Schmerzen. Er hatte beide Hände zu Fäusten geballt und vor die Brust gepresst, flüsterte und stöhnte.

Charis unterdrückte den Wunsch, ihm sanft übers Haar zu streichen und fasste stattdessen seine Schulter und schüttelte ihn vorsichtig. »Faymer!«

Mit einem erschreckten Einatmen fuhr der Faydani aus dem Schlaf, seine Hand flog zum Schwert. Sie zuckte erschrocken zurück, doch dann schien er sie zu erkennen und ließ sich schwer atmend zurücksinken. In seinen Augen lag Verwirrung.

»Schsch, es war nur eine Traum, nichts weiter.«
Und da ihr nichts Besseres einfiel, angelte sie nach einem der Bündel, das nah am Feuer lag, kramte den Wasserschlauch heraus und reichte ihn ihm. Er nahm ihn schweigend und trank, ohne ihr in die Augen zu sehen. Als er ihn zurückgab, bemerkte sie, dass seine Hände fast unmerklich zitterten. Was in aller Welt konnte diesem Mann solche Angst machen?

»Danke«, flüsterte er, noch immer ohne ihren Blick zu suchen.
Aus einem Impuls heraus ergriff sie seine Hand und hielt sie fest. Sein überraschter und verschämter Blick huschte zu ihr und dann gleich wieder irgendwo hinaus in die Nacht. Für einen Augenblick glaubte sie, er würde seine Hand wegziehen, tat es dann aber doch nicht.

»Es besteht kein Grund, sich zu schämen«, sagte sie ruhig. »Es sind nur Schatten, die des Nachts zu uns kommen, um uns an das Licht zu erinnern, das in uns wohnt. Das hat Lás immer zu mir gesagt, wenn ich diese Art von Träumen hatte.«

Nun sah er sie doch an, vorsichtig wie ein scheues Tier, jederzeit bereit zum Rückzug. »Hast du viele Albträume?«
Sie nickte. »Am Anfang fast jede Nacht. Mit der Zeit wurde es besser und seit wir unterwegs sind, sind sie selten geworden und merkwürdig verschwommen. Es sind bloß drei Träume, die sich immer wiederholen, doch die Angst in ihnen reicht für ein ganzes Leben.«

»Bei mir ist es nur ein einziger«, antwortete er.

»Es sind nur Träume, nichts weiter. Schatten, die nichts mit dem zu tun haben, wer wir wirklich sind.«

Über Faymers Gesicht flog ein Ausdruck tiefer Qual. »Da bin ich mir nicht so sicher. Dieser Traum hat alles mit mir zu tun. Ich habe ihn, weil ich der bin, der ich bin. Weil ich etwas getan habe, wofür mir nicht einmal die Götter vergeben können.«