Neinsagen – Selbstschutz oder Egoismus?

Mittlerweile hat sich der Leitsatz ‘wenn jeder sich um sich selbst kümmert, ist jedem geholfen’ weitgehend durchgesetzt. Es gibt unzählige Blogartikel zum Neinsagen, in vielen Coachings wird die Kultur des Neinsagens vermittelt, ganz Bücher wurden schon darüber geschrieben.Neinsagen

Ich selbst habe gerade erst einen Artikel zum Thema ‘Selbstschutz’ verfasst, der ja auch mit dem Neinsagen verwandt ist. Und doch: In meinem Herzen verbleibt ein Zweifel, ob mit dem ‘Nein’ gegenüber allem anderen als unseren eigenen Problemen wirklich alles gesagt ist.

Ist ‘Nein’ alles, was wir sagen sollten?

In meinem Herzen gibt es da seit kurzem ein dickes rotes Warnschild (und das war definitiv nicht mein Schwellentroll…).

Auf dem Schild steht Folgendes:

Pass auf, dass aus Selbstschutz nicht Egoismus wird.

Dieser Artikel versteht sich nicht als Kritik an den ‘Neinsagern’, die mit gutem Grund Beiträge über das Neinsagen schreiben. Ich weiß selbst nur allzu gut, wie wichtig es ist, sich abgrenzen zu können. Und es stimmt auch, dass wir nicht die ganze Welt retten können.

Gerade für sensible Menschen ist es absolut lebensnotwendig, sich nicht alle Probleme der Welt zu Herzen zu nehmen. Genauso wichtig ist die Kultur des Neinsagen für Burnout-Erkrankte und – Gefährdete.

Ich würde sogar soweit gehen, zu behaupten, dass die meisten Menschen ein großes Problem mit dem Neinsagen haben. Warum dann also dieser Artikel? Wegen dem ABER, das mir im Kopf herumgeistert.

ABER

  • was ist mit der alten blinden Frau, die deine Hilfe zum Überqueren der Straße braucht? Was, wenn du auf dem Weg zu einem wirklich bedeutenden Termin bist?

  • Was ist mit der Bekannten, die dich aus Verzweiflung anruft, weil niemand ihr zuhört?

  • Was ist mit dem Flüchtlingskind aus dem Krisengebiet, das gerade seine gesamte Familie verloren hat? Siehst du ihm in die dunklen Augen und sagst ‘jeder ist seines Glückes Schmied’?

Es ist ein seltsames Missverhältnis: Auf der einen Seite nehmen Menschen, die nicht dringend unserer Hilfe bedürfen, einen Großteil unserer Zeit und Energie in Anspruch. Auf der anderen Seite gibt es da Menschen, die dringend Unterstützung bräuchten, aber die nehmen wir oft nicht einmal wahr – weil wir so sehr mit unseren eigenen Problemen beschäftigt sind.

Zwischen Selbstschutz und Menschlichkeit

Klar ist das Neinsagen wichtig, aber das Jasagen auch. Schließlich sind wir soziale Wesen, keine Egos, die allein im Universum herumschweben.

Ich möchte auch gar nicht, dass du jetzt all deine mühsam antrainierten Selbstschutz-Mechanismen wieder fallenlässt. Ich möchte nur eines: Daran erinnern, dass wir bei all unserer persönlichen Entwicklung nie unsere Menschlichkeit vergessen sollten.

Lass uns auf dem Weg zu uns selbst keine Kultur des Egoismus propagieren! Denn davon haben wir wahrlich schon genug.

Wo ist sie nun aber, diese Grenze, wo aus Selbstschutz Gleichgültigkeit wird? Wo muss ich mich schützen und wo beginnt der Egoismus?

Wo bedarf ich der Demut, meine Bedürfnisse zurückzustellen, um etwas Liebevolles für andere zu tun? Und wo wiederum sollte ich in erster Linie auf mich selbst achten?

Liebe vs. Schuld

Ich habe lange darüber nachgedacht und für mich persönlich taugt nur eine einzige Definition der Grenze zwischen Egoismus und Menschlichkeit.

Hilfe im positiven Sinn hat immer etwas mit Mitgefühl und einem geöffneten Herzen zu tun. Nicht umsonst heißt es NächstenLIEBE.

Meistens helfen wir jedoch aus einem Schuldgefühl heraus. Wir halten der alten Frau nicht deshalb die Tür auf, weil wir es wollen, sondern weil man uns irgendwann in der Kindheit eingebläut hat, dass man alten Menschen gefälligst zu helfen hat.

Wir spenden nicht deshalb in die dritte Welt, weil wir ernsthaft am Schicksal der Kinder dort interessiert sind, sondern weil das Geld uns hilft, uns von unseren tiefsitzenden Schuldgefühlen zu befreien und uns selbst besser zu fühlen.

Diese Art der Hilfe höhlt uns aus. Warum? Weil wir das Wichtigste vergessen haben: Dass Mitgefühl nicht das Gleiche wie Mitleid ist.

Mitgefühl dagegen hilft und ist sich seines von der Hilfe unabhängigen Wertes bewusst. Mitgefühl erweist anderen die Liebe, die man sich selbst zugesteht. Mitgefühl kann aber auch entscheiden, dass es liebevoller ist, sich nicht einzumischen. Wenn du aus dieser Haltung heraus helfen kannst, so leistest du einen echten Beitrag zu einer besseren Welt. Und darüber hinaus wird dir der Dienst am anderen Menschen, Tier oder an der Natur ein tiefgehendes Gefühl der Freude verschaffen.

Das Herz öffnen – aber wie?

Nun stellt sich die Frage, wie du dieses Mitgefühl in dir nähren kannst. Wie kannst du verhindern, dass du entweder aus Schuldgefühlen ‘falsch’ hilfst oder aus Egoismus nicht über deine eigene Nasenspitze hinaus blickst?

Wie kannst du dein Herz soweit öffnen, dass du genug Platz für andere darin hast?

Alles beginnt mit Selbstliebe

Die Liebe, die du anderen Menschen und der ganzen Welt schenkst, ist die gleiche Liebe, die du für dich selbst empfindest. Dabei meine ich mit Selbstliebe nicht dieses oberflächliche „Hah, sieh mal, wie toll ich bin!“-Gehabe. Selbstliebe erfordert einen langen Weg. Sie beginnt dort, wo du anfängst, deine Schattenseiten zu akzeptieren. Deine Wut, deinen Neid, die Pickel auf deiner Nase.

Liebe nährt uns und andere. Liebe sorgt dafür, das wir wissen, wer unsere Hilfe wirklich braucht. Liebe sagst uns auch, wenn es genug ist.

Vielleicht erscheint dir dieser Beitrag widersprüchlich oder du fragst dich, wie er zu meinen anderen Beiträgen passt. Ich halte es jedoch für sehr wichtig, ein Thema aus mehreren Blickwinkeln zu betrachten. Wenn das widersprüchlich ist – meinetwegen. Wie kann ich auch gradlinige Blogbeiträge schreiben, wenn das Leben alles andere als gradlinig ist?

Lass dich inspirieren, nicht überreden.

Lass dich zum Nachdenken anregen. Glaube nicht blind irgendwelchen Behauptungen, weder von mir, noch von irgendwem sonst. Versuche, herauszufinden, was für dich stimmig ist.

Wie definierst du die Grenze zwischen Egoismus und Selbstschutz? Wie entscheidest du, wann ein Neinsagen angebracht ist? Ich freue mich auf deine persönlichen Kommentar!

Lass uns auch in nachdenklichen Zeiten Schwellentrolle jagen!

Liebe Grüße,

Marie