Mein Weg als Schattenkünstler

Das Leben ist wie ein verschlungenes Netz an Pfaden, an denen jemand vergessen hat, Brotkrumen auszustreuen.

Zur Karriere als Schriftsteller da lang? Zweimal rechts abbiegen, einmal links und dann immer geradeaus bis zu dem großen Heiligenschein…

Nein wirklich, ich finde es nicht nett, dass die Brotkrumen fehlen. Ein echter Gewährsmangel an dieser Welt, wenn du mich fragst. Ich muss wirklich mal schauen, ob ich die Rechnung noch habe.

Eine Anleitung, die hätte ich vor 10 Jahren brauchen können, bevor ich so stümperhaft meinen Weg entlang getaumelt bin. Ich hätte mich ja schon mit einem einzigen, nicht weggenaschten Brotkrumen zufrieden gegeben. Aber stattdessen musste ich mich auf die Meinung anderer Menschen, die mich zudem nicht mal kannten, verlassen.

Jaja, ich weiß, Fehler sind dazu da, aus ihnen zu lernen. Aber sind sind nun mal wie schlecht verheilte Wunden: Wenn das Wetter umschlägt, tun sie weh.

Und deswegen erzähle ich dir jetzt meine Geschichte in Kurzform: Damit du diese Fehler nicht auch noch machen musst.

Schattenkünstler

Von der Sucht nach dem Schreiben

Ich wusste immer, dass ich Schriftstellerin werden wollte. Nun gut, ein bisschen was hat sich gewandelt. Mit 8 wollte ich Enid Blyton ersetzen, mit 12 das neuste Pferdeepos über kleine glückliche Mädchen schreiben und ab 14 glitt ich in die Fantasywelten ab, sehr zum Befremden meiner Mitmenschen, die diese Leidenschaft ‘Eskapismus’ nannten. Es lief auch alles gut und bis zum Abitur hatte ich bereits einen stattlichen Ordner mit Geschichten, fertigen und unfertigen (die mir natürlich alle nicht mehr gefielen…).

Doch dann, oh Gott, ich war erwachsen. Ich musste etwas ‘machen’. Was ‘Richtiges’ am Besten. Und Schriftstellerei stand bei den ‘richtigen Berufen’ nicht gerade auf der Bestsellerliste.

Also ging ich zu Arbeitsamt. Da die meisten von euch sicherlich schon mal dort waren, erspare ich mir jede weitere Beschreibung…

„Was muss ich tun, um Schriftstellerin zu werden?“ fragte ich den netten, gelangweilten Mann.

Der blätterte in seinen Unterlagen und faltete die Stirn wie ein amtliches Schreiben.

„Germanistik“ empfahl er schließlich. Denn das hätte ja schließlich mit Büchern zu tun. Und Geschichte sei doch auch etwas für mich, da ich historische Romane (und Filme) liebte.

So kam ich zu meinen Studienfächern.

Ich saß in den Seminaren versuchte abwechselnd meine Belustigung und meine Langweile zu verbergen und schrieb Sonette, während vorne über die extreme Schwierigkeit, Sonette zu schreiben, philosophiert wurde.

Wahrscheinlich hätte mir das alles gar nicht geschadet, wäre da nicht mein Schwellentroll gewesen (dessen Persönlichkeit ich damals noch nicht durchschaute). Der aber benutzte mein geringes Selbstwertgefühl und hatte mich rasch davon überzeugt, das alles sei normal und ich müsse nur lernen, mich anzupassen. Wenn ich nur genug arbeitete, würde es mir schon gefallen. Und dann könnte ich wissenschaftliche Arbeiten schreiben und das sei doch fast so gut wie Bücher.

Ich arbeitete. Wurde zur Workaholic. Landete im Burnout.

Als ich in diesem toten, schwarzen Brunnen der Traurigkeit saß, schwor ich mir eines: Sollte ich es schaffen, wieder aus diesem Loch zu klettern, würde alles anders werden.

Wurde es aber nicht, denn ich wusste ja nicht, was mir fehlte.

Ich schrieb weiterhin Bestnoten und dachte darüber nach, was wohl mein Traumberuf wäre. Wissenschaftliche Bücher verfassen? Vielleicht Buchhändler? Oder Lektor?

Jeder Erwägung hinterließ Bauchschmerzen. Und ein schlechtes Gewissen, weil ich wieder einmal nicht ins System passte.

Der letzte Funke meines großen Traumes schob mir Julia Camerons Buch ‘Der Weg des Künstlers’ zu. Und als ich über Schattenkünstler las, war mir plötzlich klar, was mir fehlte.

Schattenkünstler

In allem, was ich tat, beschrieb ich Kreise um das, was ich wirklich wollte. Ich umschlich meinen Herzenswunsch wie ein wildes Tier, von dem man fürchtet, es könne wegrennen. Ich starrte es sehnsüchtig an, stellte mir vor, wie sein Fell sich anfühlen würde und wagte doch nie den Schritt aus dem Dickicht. Das Tier war zu gefährlich und ich zu schwach. Was, wenn ich es nicht zähmen könnte?

Ich wollte nie wissenschaftliche Texte schreiben oder anderen Schriftstellern bei der Arbeit zusehen. Ich wollte selbst schreiben, und zwar genau das, was ICH schreiben wollte. Doch dieser Wunsch war tief in mein Unterbewusstes gerutscht. Geblieben war nur der diffuse Hunger nach Büchern und Kunst, der mich in die der Kunst nahen Berufe drängte, ohne mir wirklich Befriedigung verschaffen zu können.

Der lange Weg zurück

Schattenkünstler hängen an ihren Illusionen wie an einem treuen Haustier. Für jede, die stirbt, bekommen sie eine neue dazu. Obwohl ich jetzt Bescheid wusste, hatte mein letztes Stündlein als Schattenkünstler noch lange nicht geschlagen. Ich wurde Journalistin und bewarb mich bei Verlagen (zum Glück ohne Erfolg).

Das Leben kam mir zur Hilfe. Nichts wollte funktionieren. Irgendetwas in diesem Universum schien darauf zu bestehen, dass ich das versuchte, was ich wirklich wollte.

Ich war damals ziemlich sauer auf das Leben, das kann ich dir sagen.

Doch nach einer weiteren ‘Ehrenrunde’ habe ich es dann endlich angepackt.

Und heute?

Meine Schattenkünstler -Ideen klopfen immer noch regelmäßig an. Flüstern mit verführerischen Stimmen, dass es einfacher sei, in anderen Bereichen Geld zu verdienen. Machen mir Angebote, denen ich kaum widerstehen kann.

Ob ich meine Lektion wohl endgültig gelernt habe? In weiteren zehn Jahren werde ich es wissen.

Aktuell genieße ich es einfach, dass meine Bauchschmerzen, mein Asthma und meine Migräneanfälle verschwunden sind, seid ich meiner Kunst den Raum gebe, den sie verdient.

Ich erstelle und verkaufe meine Fotografien, schreibe Blogbeiträge und arbeite an einem Roman sowie an der Idee für ein Sachbuch.

Ob ich wohl reicher wäre, wenn ich einen anderen Weg gewählt hätte? Keine Ahnung.

Aber glücklich bin ich schon einmal. Und was soll dann schon noch schiefgehen? :-)

Was ist mit dir? Hast du dich als Schattenkünstler wiedererkannt? Wie oft machst du nicht das, was du wirklich willst, sondern nur etwas Ähnliches? Welche Tipps hast du für Schattenkünstler?

Lass uns gemeinsam Schwellentrolle jagen,

Liebe Grüße,

Marie