Fit für deinen ersten Roman – Tag 6

Der rote Faden

Mittlerweile hast du wahrscheinlich schon einen ganz Berg an ungeordneten Ideen für dein Buchprojekt. Vielleicht hast du bereits einzelne Szenen, Figuren, Konflikte oder sogar eine grobe Vorstellung, in welche Richtung die Geschichte laufen soll.

Und jetzt? Es ist an der Zeit, ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen und die einzelnen Elemente so miteinander zu verbinden, dass du einen echten roten Faden für dein Projekt hast. Denn du willst ja eine durchgängige Erzählung schreiben, die deinen Leser berührt und packt. Nur wie fängst du das an?

Damit deine Geschichte einen starken roten Faden bekommt, muss du dir bewusst machen, um was es in der Geschichte tatsächlich gehen soll. Und genau diesem Thema nähern wir uns heute an.

Die zentrale dramatische Frage

Jede Geschichte macht im Grunde nichts anderes, als eine Frage aufzuwerfen, und sie am Ende zu beantworten. An dieser Frage orientiert sich der gesamte Plot. Sie hilft dir, zu entscheiden, welche Szenen unnütz sind und in welche Richtung sich dein Buch bewegt.

Kurz: Diese Frage ist die organisierende Kraft deines Buches.

Die meisten dramatischen Fragen lassen sich mit einem Ja oder Nein oder einem Vielleicht beantworten.

Ein paar Beispiele:

Harry Potter: Wird Harry es schaffen, Lord Voldemort zu besiegen?

Der Herr der Ringe: Wird Frodo es schaffen, den Ring zu vernichten und Mittelerde zu retten?

Panem 1: Wird Katniss die Hungerspiele überleben?

Das Amulett des Trebeta: Wird Helene die Wette mit Gott gewinnen und ein neues Leben bekommen?

Die klassische Krimifrage lautet meist etwas anders:

Wer ist der Mörder und was ist sein Motiv? (Normalerweise gehst du ja schon davon aus, dass die Sache auf jeden Fall aufgeklärt wird)

Manchmal ist die zentrale Frage auch nicht so offensichtlich, sondern etwas versteckter.

Z.B. Die Bücherdiebin – zentrale Frage: Ist die Menschheit es wert?

Die zentrale Frage kann aber auch eine Art Aussage sein, die durch den Verlauf der Geschichte bewiesen wird.

Zum Beispiel: Liebe zwischen Feinden führt zu Tod (Romeo und Julia)

Die dramatische Frage und dein Protagonist

Erinnerst du dich noch an den brennenden Wunsch deines Protagonisten? Damit deine Geschichte funktioniert, müssen der brennende Wunsch und die zentrale Frage der Geschichte ineinandergreifen. Das ist meist automatisch der Fall, da sich aus dem brennenden Wunsch meist direkt die zentrale Frage ergibt. Die zentrale Frage beschreibt dann sozusagen das Ziel, das der Protagonist aufgrund seines Wunsches anstrebt.

Ein Beispiel aus meinem letzten Roman: Der brennende Wunsch des Geistermädchens Helene besteht darin, unbedingt wieder lebendig werden zu wollen. In der Geschichte verfolgt sie verbissen dieses Ziel – und der Leser stellt sich natürlich die Frage, ob sie es schafft. ;-)

Du kannst natürlich auch genau andersherum vorgehen. Wenn die zentrale Frage deiner Geschichte schon steht, aber die Charaktere noch nicht, dann kannst du sie einfach mit einem passenden Wunsch ausstatten, um die Geschichte in Fluss zu bringen.

Bei meinem letzten Beispiel ist der Zusammenhang zwischen brennendem Wunsch des Protagonisten und Plot ziemlich klar. Die Zusammenhänge können aber auch etwas komplizierter sein, gerade wenn der brennende Wunsch des Protagonisten subtil mit dessen Wertesystem zusammenhängt und in der Geschichte nicht direkt genannt wird.

Dazu das sehr bekannte Beispiel Harry Potter:

Hast du dich schon einmal gefragt, was den sehnliche Wunsch der Figur Harry Potter ist? Will er unbedingt den Helden spielen und Lord Voldemort bezwingen? Doch eher nicht. Was Harry wirklich will, ist ein ganz normales Leben für sich und die Menschen, die er liebt. Das jedoch kann er sich abschminken, solange ein lispelnder Irrer die Zaubererwelt auf Trab hält. Somit führt der Wunsch der Hauptfigur indirekt zu Handlung der Reihe.

Das soll als theoretische Erklärung erst einmal genügen. Nun geht es zur praktischen Umsetzung. Da das Thema recht komplex ist: Scheue dich nicht, Fragen zu stellen. ;-)

Die heutige Übung

Nimm dir nochmal die Materialien der letzten Tage vor und begib dich auf die Suche nach der zentralen Frage deiner Geschichte. Du musst sie heute nicht endgültig finden, aber es wird dir helfen, ein paar Ideen dazu zu entwickeln.

Die folgenden Fragen sollen dir dabei helfen, deinen roten Faden näher kennenzulernen:

– welche zentralen Elemente eines roten Fadens ergeben sich schon aus deinen Notizen?

– um welche Werte geht es in deiner Geschichte? Welche Werte vertritt dein Protagonist?

– hat dein Protagonist schon einen brennenden Wunsch und was erzählt der dir über die zentrale Frage?

– kannst du dir vorstellen, für deine zentrale Frage am Ende auch eine sinnvolle Auflösung zu finden? Du muss jetzt noch nicht festlegen, wie die Geschichte ausgeht, aber du solltest zumindest einmal abchecken, ob sich das aufgeworfene Problem überhaupt lösen lässt. Du kannst natürlich auch ein offenes Ende anstreben, aber das sollte dann bewusst gesetzt und keiner Verlegenheitslösung sein. ;-)

– magst du die Art von Frage, die sich in deiner Geschichte auftut? Passt sie eigentlich zu DEINEM Warum?

Und noch ein Hinweis zum Schluss: Bitte beschränke dich fürs erste tatsächlich auf EINE Frage. Ich weiß, das ist schwer, aber es hilft deiner Geschichte ungemein, wenn du nicht versuchst, zu viel hineinzupacken.