Fit für deinen ersten Roman – Tag 5

Die Würze deiner Geschichte

Egal ob wir lesen, um in fremde Welten abzutauchen, um uns von persönlichen Schicksalen berühren zu lassen oder warum auch immer, eines ist allen Geschichten gemein: Es sind die Menschen der Geschichte (oder andere Wesen), die uns wirklich berühren. Ein Spannungsbogen kann noch so gut ausgefeilt, ein Roman noch so gut recherchiert sein, doch wenn dich die Protagonisten kaltlassen, wirst du weder als Autor noch als Leser große Freude daran haben.

Die Protagonisten sind die Seele deiner Geschichte. Ihre Bedürfnisse, Nöte und Eigenheiten erzählen besser und subtiler von deinem Herzensanliegen als du es als Autor in direkter Form je könntest.

Doch damit sie das leisten können, musst du ihnen erst die Seele einhauchen. Du musst zulassen, dass sie sich von zweidimensionalen Entwürfen auf dem Papier zu lebendigen, atmenden Wesen entwickeln.

Und genau mit diesem Thema wollen wir uns heute befassen:

Lebendige Charaktere erschaffen – die Kurzform

Hinweis: Wenn du bereits eine Menge Theorie über die Erschaffung von lebendigen Charakteren kennst, kannst du diesen Abschnitt überspringen und direkt zur Übung scrollen. Diese Hinweise sind für diejenigen gedacht, die sich noch nie mit der Entwicklung von Figuren beschäftigt haben.

Für deinen ersten Versuch, einen lebendigen Charakter zu gestalten, habe ich dir die nötige Theorie auf ein absolutes Minimum zusammengekürzt. Wenn du dich ausführlicher mit dem Thema auseinandersetzen willst, kannst du entweder meinen Onlinekurs buchen oder dich im Internet schlau machen. Viele Autoren bieten ihre Charaktersheets zum Download an und schreiben auch ausführlich dazu, wie sie ihre Charaktere erschaffen.

Allerdings hat mir persönlich für meine allerersten Versuche die Kurzform auch gereicht, also lass dich nicht verrückt machen. ;-)

1) Details, Details

Als Autor musst du deinen Protagonisten mindestens so gut kennen wie deinen besten Freund. Du muss alles über in wissen, und zwar ganz genau.

Beispiel:

‘Ein ganz normaler Mann in den Vierzigern’ reicht als Beschreibung nicht aus.

Dann schon eher so:

‘Ferdinand ist gerade 43 geworden, Sachbearbeiter beim Finanzamt und hat vor 15 Jahren seine pedantische Kollegin Anne geheiratet, die seitdem zuhause bleibt und auf die beiden Vorzeigetöchter aufpasst. Ferdinand hasst folgende Dinge: Bei seinem Namen genannt zu werden, wenn aufgemotzte Blondinen beim Finanzamt ihre Reize spielen lassen, um Fehler in ihrer Steuererklärung zu vertuschen, Falschparker. Er liebt panierte Schnitzel, aber nur die, die seine Mutter macht, den Teig einer Brotscheibe zu einzelnen Kügelchen zu drehen und nacheinander zu essen, sich mit seinen Freunden Freitagabends zum Stammtisch zu treffen und erst wieder zu gehen, wenn er nicht mehr gerade gehen kann.’

Du verstehst, was ich meine? Das ist natürlich kein gutes Beispiel: Viel zu kurz und zu ungenau. So kommt Ferdinands Äußeres gar nicht zur Sprache. Als kurze Inspiration soll es trotzdem reichen, denn sonst wird dieser Beitrag nie fertig und du kommst nicht zu deinem Charakter. ;-)

2) Der brennende Wunsch des Protagonisten

Du erinnerst dich noch an dein ‘Warum’? ;-) Dein Protagonist braucht ebenfalls ein starkes Verlangen, das ihn antreibt. Er muss etwas unbedingt wollen, damit die Geschichte eine Richtung hat. Das Verlangen deines Protagonisten steht in direktem Zusammenhang mit deiner Geschichte. Handlung und Verlangen des Protagonisten greifen ineinander und befeuern sich gegenseitig. Dadurch, dass der Charakter etwas unbedingt will (oder auch unbedingt verhindern will) kommt die Geschichte ins Rollen. Der große Wunsch steht in direktem Zusammenhang mit der Frage, mit der wir uns morgen beschäftigen.

Der Wunsch des Protagonisten kann sich in der Geschichte sehr konkret zeigen oder aber auch in Form von Sehnsüchten und Ängsten im Hintergrund bleiben, die aber das Handeln des Protagonisten begründen.

Beispiel:

Nehmen wir wieder unseren Ferdinand. Solange er nur in seinem ‘normalen’ Leben vor sich hindümpelt, haben wir keine Geschichte, die sich zu erzählen lohnt. Statten wir den Mann jedoch mit einem ungewöhnlichen Wunsch aus, zeigt sich die Geschichte wie von selbst.

Ferdinand langweilt sich nämlich ganz fürchterlich in seinem geordneten Leben und entwickelt einen ausgeprägten Hass gegen die ‘Schönen und Reichen’, die aus seiner Sicht viel zu viel Geld und Spaß haben. Er hegt daher den Wunsch, es seinen neureichen Nachbarn gewaltig zu zeigen. Vordergründig hat er ein ziemlich absurdes Rachemotiv. Doch auch seine Sehnsucht nach Abwechslung und danach, sich nicht so ohnmächtig zu fühlen, spielen eine Rolle.

Was könnte Ferdinand mit diesem Antrieb tun? Vielleicht bricht er regelmäßig ins Nachbarhaus ein, um Möbel zu verstellen und kleine Botschaften zu hinterlassen? Dass das nicht gutgehen wird, können wir uns bereits vorstellen. Und schon haben wir eine Geschichte…

Dies ist ein sehr einfaches Beispiel, aber es verdeutlicht, wie die Geschichte und der Wunsch des Protagonisten zusammenhängen. Natürlich darfst du auch einen komplexeren Wunsch bedienen, wenn du das möchtest. :-)

Der Wunsch des Protagonisten darf allerdings nicht vollkommen willkürlich sein, sondern muss sich logisch aus den Werten und Bedürfnissen des Protagonisten erklären lassen.

Natürlich haben ‘normale’ Menschen für gewöhnlich mehr als einen brennenden Wunsch. Bitte konzentriere dich bei deinem Charakter trotzdem auf einen einzigen Wunsch, den du ins Zentrum stellst und der die Geschichte ins Rollen bringt. Wenn dein Protagonist alles zugleich will, verliert die Geschichte ihre Richtung.

3) Weg vom Stereotyp

Bis auf sein merkwürdiges Hobby ist unser Ferdinand ziemlich gewöhnlich. Das macht es zwar einfach, ein Bild vor Augen zu haben, aber es macht ihn auch ein bisschen langweilig. Charaktere brauchen – genau wie richtige Menschen – ihre Ecken und Kanten, damit wir sie als lebendig wahrnehmen. Sie müssen Facetten zeigen, die uns überraschen und dürfen in wohldosierter Form auch einmal vollkommen unlogisch handeln. Und damit dein Protagonist sympathisch wirkt, sollte er schon ein paar Schwächen haben (perfekte Menschen nerven nämlich tierisch, oder?).

Hättest du zum Beispiel gedacht, dass unser Ferdinand ein Bild seiner ersten Freundin hinter dem Schlafzimmerschrank versteckt, das er immer dann herausholt, wenn er sich mit seiner Frau gestritten hat? Dass er sich heimlich einmal im Monat die Karten legen lässt, und zwar von der esoterischen Nachbarin, über deren Weihrauchdämpfe sich seine Frau immer so aufregt?

Das Wichtigste zum Schluss:

Bis jetzt habe ich dir nur erklärt, wie ein Charakter grundsätzlich funktioniert. Jetzt könntest du losgehen und einfach irgendwelche Charaktere ‘zusammenbauen’, in eine Geschichte stopfen und dann mit dem Schreiben loslegen. Nun willst du aber ein Buch schreiben, das wirklich ‘von innen’ kommt. Es soll dir Spaß machen, dich erfüllen, dich stolz machen.

Und das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Gestaltung deiner Figuren.

Mir passiert es häufig, dass ich Geschichten nicht fertig lese, weil es mir einfach total schnuppe ist, ob der Protagonist sein Ziel erreicht. Das muss gar nicht bedeuten, dass der Autor seine Arbeit nicht gemacht hat. Meist sind die Gründe viel profaner: Mich packt der zentrale Wunsch des Protagonisten nicht oder der Kerl ist mir einfach so unsympathisch, dass es mir schlichtweg egal ist, ob er seinen Feinden entkommt. ;-)

Das bedeutet für dich:

Die Chemie zwischen dir und deinen Protagonisten muss stimmen. Das Gefühl ist schwer in Worte zu fassen, aber du spürst es einfach, wenn der Funke überspringt. Das bedeutet übrigens nicht, dass du unbedingt einen Protagonisten brauchst, der genauso ist wie du (das kann auf Dauer ganz schön langweilig sein). Er muss dich einfach faszinieren. Jemand, den du gerne heimlich beobachten, belauschen würdest. ;-)

Optimalerweise sollte dein Protagonist natürlich nicht nur dich faszinieren, sondern auch deine Leser. Doch wenn du schon einmal ‘warm’ mit ihm bist, ist ein guter Anfang geschaffen.

Ferdinand wäre genau aus diesen Gründen für mich kein tragbarer Charakter für ein Buch. Ich mag ihn einfach nicht genug. ;-)

Übrigens, an alle autobiografischen Schreiber:

Auch du brauchst einen starken Protagonisten, damit deine Geschichte nicht langweilig wird. In deinem Fall geht es weniger darum, einen Charakter zu erfinden, als zu überlegen, welche bestimmten Merkmale du in den Vordergrund stellen willst. Das wird dir helfen, deine Geschichte zu strukturieren.

Alle weiteren Detailfragen zum Thema Figuren klären wir in der Facebook-Gruppe, da es hier einfach den Rahmen sprengt. Scheue dich nicht zu fragen, wenn du an einer Stelle nicht weiterkommst.

Deine Aufgabe für heute:

Mache dich mit deinem Protagonisten / deiner Protagonistin bekannt. (Wenn du noch nicht weißt, wer das sein wird, suche dir einfach irgendeinen Charakter zum Üben. Jemanden, der dich fasziniert.).

Suche dir noch einmal einen ruhigen Ort und stelle dir vor, du triffst dich mit deinem Charakter. Stelle ihn dir ganz genau vor. Versuche, ihn zu ‘fühlen’. Notiere alle Details, die dir zu ihm einfallen, auch ganz verrückte Sachen, die vielleicht in deinem Buch nie zur Sprache kommen. Lass auch hier deiner Inspiration freien Lauf. Wenn sich Widersprüche zeigen, kannst du die später bereinigen. Zunächst ist es wichtig, ein farbenprächtiges Bild deines Protagonisten zu entwerfen.

Gehe dabei die oben vorgestellten Grundsätze durch und beginne sie anzuwenden. Weißt du schon, was der zentrale Wunsch deines Protagonisten ist? Welche Werte er vertritt?

Einen Charakter zu entwerfen, mit dem man wirklich zufrieden ist, kann dauern. Arbeite heute nur so lange daran, wie es zeitlich für dich passt und dir auch Spaß macht. Du kannst zu einem späteren Zeitpunkt mit neuen Erkenntnissen jederzeit weitermachen.

Übrigens: Falls dein Charakter rasch ein Eigenleben entwickelt, so ist das gut. Lebendige Menschen lassen sich ohnehin nicht in Tabellen pressen. Dein erster Charakter-Entwurf ist lediglich der Beginn.