Die Heldenreise – das Zaubermittel für deinen Roman

Ein Gastbeitrag von Jurenka Jurk von Schreibfluss

Wünschst du dir manchmal, dass sich dein Buch von selbst schreiben würde? Oder dass du dich zumindest rundum sicher mit deiner Geschichte fühlen würdest und dich die Selbstzweifel nicht mehr packen?

Natürlich; es gibt kein Zaubermittel, mit dem sich dein Roman von selbst schreibt. Die Heldenreise kommt dem aber sehr nahe. Denn als Romanautoren sind wir schon so etwas wie Zauberer. Wir erschaffen neue Welten und ziehen den Leser in den Bann. Wie verzaubert verbringt er Stunden damit, Buchstaben zu verschlingen. Aber nur dann, wenn der Roman gut geschrieben ist, und da kommt die Heldenreise ins Spiel – und ganz nebenbei hilft sie auch gegen Anfälle von Zweifel.

Die Heldenreise (Original: „the heroes journey“) ist eigentlich aus einer Analyse von mythologischen Geschichten entstanden. Der Mythenforscher Joseph Campbell hat immer wieder gleiche Merkmale in Geschichten gefunden – weltweit und zeitübergreifend. Faszinierend, nicht wahr? Alle Menschen dieser Welt verstehen also die gleichen Elemente zusammengesetzt als Geschichte. Warum also nicht das Modell andersherum verwenden und danach Geschichten schreiben?

Christopher Vogler („Die Odyssee des Drehbuchschreibers“ – sehr lesenswertes Buch, auch für Romanautoren) hat das mythologische Modell ein wenig abgewandelt, damit es besser für das Schreiben von Geschichten angewendet werden kann. Seither wird es mit Erfolg von Hollywood für Filme verwendet.

Die Heldenreise hilft einem also dabei, eine spannende Handlungsstruktur für seinen Roman zu finden.

Als Held wird dabei übrigens die Hauptfigur bezeichnet. Am Anfang ist sie ja eigentlich noch kein Held, sondern erst auf dem Weg dorthin. Lass dich nicht von dem Begriff irritieren.

Heldenreise

Die wichtigsten Stationen der Heldenreise

Nach Campbell durchläuft der Held (also die Hauptfigur) 17 Stationen, nach Vogler zwölf, ich unterrichte sie mit elf. Hier stelle ich dir die wichtigsten fünf Punkte vor:

1) Der Auslöser:

Etwas reißt deine Figur aus ihrem bisherigen Leben. Das kann etwas Furchtbares sein (wie der Tod des Partners), aber auch etwas Tolles (eine gewonnene Reise zum Beispiel). Es muss nur heftig genug sein, damit die Figur den Auslöser nicht einfach ignorieren kann.

2) Das Ziel:

Deine Figur „rennt“ los, sie will etwas erreichen oder auch verhindern. Sie macht sich einen Plan und erlebt im Folgenden viele Auf und Abs.

3) Die Katastrophe:

Deine Figur scheitert, und zwar komplett. Ihr Ziel wird nicht erreicht, innerlich nimmt sie Schaden. Es sieht aus, als ob nichts mehr geht.

4) Der Höhepunkt:

Auf logische, aber überraschende Weise findet deine Figur zu ihrem Glück (wenn die Geschichte einen guten Ausgang nimmt). Ja genau. Das klingt schon nicht einfach und ist es auch nicht. Der Übergang von Punkt drei auf vier ist in meinen Augen der schwierigste. Denn die Figur sollte weitestgehend selbst für die Lösung sorgen. Es wäre für den Leser enttäuschend, wenn eine andere Figur auftaucht und den langersehnten „Schlüssel“ mal eben vorbeibringt.
Hilfreich ist hierfür, sich auf das Innenleben der Figur zu konzentrieren. Weil sie in Punkt 3 völlig am Boden ist, kann innerlich ein altes Muster „sterben“, sie kann etwas loslassen. Dadurch entsteht erst die Möglichkeit, sich wirklich zu verändern, zu reifen. Das wiederum bietet neue Handlungsmuster, mit denen dein Held einen positiven Ausgang herbeiführen kann. Deine Figur darf wie der Phoenix aus der Asche neu auferstehen.
Ist er einmal gereift und kann danach handeln, dürfen auch andere Figuren helfend zur Seite stehen.

5) Ausklang:

Dein Held kehrt wieder in einen Alltag zurück – glücklicher und gereifter als vor der Geschichte.

 

Die Heldenreise funktioniert!

Wenn man die Heldenreise nicht zu wörtlich nimmt, sondern etwas interpretiert, dann ist sie für alle Genres verwendbar. Sie ist das perfekte Geländer für einen spannenden Roman.

Kommt denn Einheitsbrei heraus, wenn alle nach dem Rezept „Heldenreise“ kochen?

Keine Sorge, das passiert nicht. Vor allem dann nicht, wenn man es als ein psychologisches Konzept versteht, bei dem es mehr um die innere Reise (Entwicklung) geht, als um die äußere. Im Gegenzug braucht es ein bisschen Übung, damit man die Heldenreise sicher anwenden kann. Am besten schaut man sich hierfür Filme und Bücher an und sucht nach den verschiedenen Stationen in den Geschichten. So bekommt man am schnellsten ein Gespür dafür, welche Schritte wie wichtig und wie umfangreich sein können und welche Reihenfolge wann am besten passt.

Übrigens funktioniert die Heldenreise deshalb so gut, weil sie eine Entwicklung zeigt, wie sie auch im echten Leben stattfindet. Nicht immer genau so, aber sehr ähnlich. Du kannst ja auch mal in deinem eigenen Leben nach Heldenreisen suchen. Das hilft dir auch für dein Schreiben weiter.

Die Heldenreise anwenden

Ich benutze die Heldenreise vor dem Schreiben, um meinen Roman zu planen. So fühle ich mich am wohlsten. Ich schlage mich mit weniger Selbstzweifeln herum, denn ich weiß, dass der Bogen der Geschichte sitzt.

Man kann sie aber auch genauso gut nach dem Schreiben verwenden. Vielleicht gehörst du ja zu den Bauchschreibern, die gar nicht gern vorm Schreiben planen. Lieber entdeckst du gleichzeitig mit dem Stift auf dem Papier, was „hinter der nächsten Tür“ liegt. Auch gut. Nur kann es passieren, dass deine Leser nicht jede Schleife deiner Fantasie ebenso spannend finden. Du könntest alternativ im Nachhinein das Handlungsgerüst deiner Geschichte mithilfe der Heldenreise kontrollieren.

Wir brauchen das Rad nicht neu zu erfinden

Die Heldenreise ist ein großartiges Modell zum planen von Romanen. Gleichzeitig bietet es uns viel Freiheit. Am besten verinnerlichen wir sie uns, dann können wir sie intuitiver verwenden, Stationen verschieben oder auch auslassen (zumindest wenn du die zwölfschrittige Heldenreise verwendest). Aber du kannst dich auch ganz exakt an die einzelnen Schritte halten, wenn du möchtest. Gerade zu Beginn ist das einfacher und führt wunderbar zum Ziel: Ein spannender Handlungsbogen, der den Leser fesseln wird.

Gut geübt ist die Heldenreise das perfekte Hilfsmittel für deinen Roman. Deine Leser werden die Struktur nicht wahrnehmen, stattdessen werden sie in deiner Geschichte mit Wonne versinken. Es ist wie bei einem richtig guten Zaubertrick auf der Bühne! Du siehst nicht, wie der Zauberer es anstellt. Du siehst nur das Wunder, das er dich sehen lassen will. Probier es selbst aus.

Los, lass uns Zauberer werden und fesselnde Romane schreiben!

HeldenreiseJurenka Jurk ist selbst Romanautorin, aber hauptsächlich unterrichtet sie mit Leidenschaft und viel persönlicher Betreuung, wie man Romane schreibt. Sie hat 2009 den Studiengang „Kreatives Schreiben“ an der IB Hochschule Berlin abgeschlossen und seither mehr als 200 angehende Autoren Schritt für Schritt bei ihren Schreibprojekten begleitet.

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