Die ganze Wahrheit über das Scheitern

Dieser Artikel ist etwas Besonderes. So viel steht fest.

Ob er besonders gut oder besonders schlecht ist, möchte ich deiner Entscheidung überlassen. Vielleicht ist er beides in einem.

Ich hadere jetzt seit einer Woche mit mir, ob ich diesen Artikel wirklich schreiben will. Dafür gibt es verschiedene Gründe:

a) es geht mir nicht gut

b) ich habe das Bedürfnis, genau darüber zu schreiben

c) ich bin mir nicht sicher, ob dir dieser Artikel nützt oder schadet.

Bitte beurteile selbst, ob du diesen Artikel lesen willst oder nicht. Es hat mich gerade ziemlichen Mut gekostet, dies niederzuschreiben. Nun vertraue ich diesen Text deiner Weisheit als Leser an.

Warum ich diesen Text schreibe

Meine letzten beiden Wochen waren nicht gerade das, was ich von meinem Leben als Kreativ-Unternehmerin erwartet hatte.

Meine Projekte waren gut vorbereitet.

Ich hatte Arbeit und Herzblut investiert und versucht, alle Fehler im Vorhinein auszuschließen.

Und dann kam das große Scheitern…

Ich möchte mich hier aufgrund des Datenschutzes nicht genau darüber auslassen, um welche Projekte es geht. Das ist auch nicht wichtig für die Thematik dieses Artikels.

Wichtig ist Folgendes: Meine Projekte scheiterten an vielen Dingen, die ich allesamt nicht in der Hand hatte. Vor allem aber scheiterten sie an der Ignoranz der Menschen, für die Künstler nichts weiter sind als ein netter Lückenfüller, um die eigenen Ziele zu promoten (und zugleich noch etwas Geld zu verdienen).

Am meisten traf mich jedoch die Haltung einiger Mitbetroffener, die, als ich die Wahrheit aussprach, die Schuldigen in Schutz nahmen und gemeinsam mit ihnen Front gegen mich bezogen. Denn schließlich wollte ja jeder seine Schäfchen ins Trockene bringen. Und ein bisschen Speichellecken hat da noch nie geschadet…

Es war nicht das erste Mal, dass mir so etwas passiert ist. Zurück bleibt ein Gefühl ohnmächtiger Wut. Und das Gefühl, dass wir dringend etwas ändern müssen.

Scheitern

Scheitern abgeschafft

Vielleicht fragst du dich gerade, was der vorherige Absatz mit dir zu tun hat. Wenn ich nur jammern wollte, hätte ich ja auch ein Tagebuch benutzen und dieses danach verbrennen können.

Es geht nicht darum, dich mit meinen persönlichen Geschichten zu quälen. Aber meine innere Stimme sagte mir ganz klar, dass dieses Thema in die Welt hinaus gehört, also beschwere dich bei ihr, wenn du dir das nicht ansehen magst. ;-)

Ich möchte mit dir heute über das Scheitern reden. Nicht über das Scheitern eines ganzen Lebens, das vielleicht einen Selbstmord zur Folge hat. (Das habe ich glücklicherweise noch nie erlebt) Ich möchte über das kleine, das wiederholte, hartnäckige Scheitern reden. Die Art von Scheitern, welche dir beim Gedanken an deine Träume das Hohnlachen durch den Schädel treibt. Die ganzen kleinen Misserfolge, die – jeder für sich genommen – nichts Schlimmes waren, doch in ihrer Masse vor deinen Hoffnungen tanzen wie Fliegen vor dem Mond.

Was ich da gerade tue, gehört sich nicht. In Zeiten von Lifestyle-Business und Energiearbeit haben wir das Scheitern abgeschafft. Es gehört sich einfach nicht, würde es doch zum hundertsten Mal in der Menschheitsgeschichte infrage stellen, ob wir wirklich das ganze Muster sehen können, dem unser Leben folgt.

Scheitern für Dumme und Schwache

Ich weiß nicht, wie dir es geht, aber manchmal komme ich mir wirklich dumm vor.

Denn bei mir läuft nicht immer alles glatt. Ganz gleich wie viele Bücher ich lese, wie viele Pläne ich mache oder wie häufig ich mit einem ganz besonders aggressiven Putzmittel meine Glaubenssätze bearbeite, manchmal geht trotzdem etwas schief.

  • Produkte kommen von der Druckerei und sehen einfach sch… aus

  • Händler verstecken die Produkte in irgendeiner finsteren Ecke und machen dich dann dafür verantwortlich, dass die Kunden nicht kaufen.

  • Kunstbeflissene Mäzene lassen dich nach ihrer Pfeife tanzen und am Ende gibt es doch nichts als Frust

Vielleicht bin ich die totale Ausnahme und alle anderen Künstler haben noch nie ein solches Problem gehabt. Manchmal komme ich mir jedenfalls so vor, wenn ich es wage, irgendwelchen halbwegs gutwilligen Kollegen von meinem Hürdenrennen zu erzählen. Ich höre dann:

„Jaja, als Künstler muss man mit solchen Dingen leben.“

„Besser ein Unterstützer, der unzuverlässig ist als gar keiner.“

Oder mein absoluter Liebling:

„Schatz, du musst nur dein Mindset ändern! Die anderen spiegeln dich nur!“

Sorry, aber ICH KANN ES NICHT MEHR HÖREN!!!

Jedes Mal, wenn ich so etwas höre, erhalte ich den Eindruck, ein bisschen dummer oder schwächer als all die tollen Helden zu sein, die im Frontlicht glänzen und solche Probleme nicht zu kennen scheinen. Ich versuche, mit ihnen mitzuhalten, meine Probleme aggressiv in meinem Inneren zu bekämpfen und fühle mich doch immer ein ganz kleines bisschen kleiner als alle anderen, da ich ja insgeheim weiß, dass bei mir nicht alles rundläuft.

Warum wir häufiger scheitern als notwendig

Hey, bei mir klopft gerade ein Gedanke an…

Ist das nicht das Kernproblem, dass wir Kreative uns seit Jahrhunderten gegenseitig klein halten und daher aktuell auf dem Markt so gut wie gar keinen Verhandlungsspielraum haben? Beginnt es nicht genau damit? Damit, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind und den Fehler nur bei sich zu suchen?

Das ist doch wunderbar! So lange wir alle glauben, dass wir kein Geld für unser Buch kriegen, weil es uns so bestimmt ist oder weil unser Mindset falsch tickt oder weil wir uns nicht genug angestrengt haben, haben diejenigen, die durchaus Geld mit diesem Buch verdienen, freie Hand!

Ich weiß, dass ich heute plakativ bin. Vielleicht bin ich sogar unfair. Aber ich bin gerade aufgeweckt worden und möchte das Schellen der Alarmglocken an dich weitergeben.

Jeder, der meine Texte kennt, weiß, dass ich für die großen inneren und äußeren Zusammenhänge sehr offen bin. Aber man kann damit doch nicht alles rechtfertigen.

Wie wäre es, wenn wir Künstler (und nicht nur die Künstler unter uns) statt immer die Fehler bei uns zu suchen endlich, endlich anerkennen, wenn wir wütend oder verletzt sind?

Sind wir den Dingen ausgeliefert?

Ich will damit nicht sagen, dass es nicht Dinge gibt, die wir selbst ändern könnten und auch sollten. Wir haben immer einen Teil der Dinge in der Hand. Aber – und das ist der Punkt – eben nicht alles.

Und ja, es gibt tatsächlich Menschen, die davon profitieren, dass wir Künstler unser Licht unter den Scheffel stellen. Diese Menschen sind nicht böse, sie nutzen nur die Gelegenheit. Aber das heißt noch lange nicht, dass du alle Unmöglichkeiten akzeptieren musst, die an dich herangetragen werden.

Ich bin übrigens nicht dumm, das ist mir klar. Ich bin klug. Ich bin fähig. Und ich bin trotzdem in den letzten Wochen gescheitert.

Was ich daraus lerne?

a) Dass die Welt doch ein bisschen komplexer ist, als wir uns alle zugestehen wollen

b) Dass einen selbst das schlimmste Scheitern nicht umbringt. Scheitern in einem Projekt ist nicht das Ende, sondern ein fieser Neuanfang auf dem Weg zu einem neuen Selbst-Bewusstsein.

c) Dass ich genau einen Fehler gemacht habe: Nämlich den, zu lange Zeit Dinge und Menschen zu akzeptieren, die für meine Arbeit absolut destruktiv sind.

Ich bin nicht mehr bereit, diesem Muster zu folgen.

Und ich fände es sehr schön, wenn ich dich dazu inspirieren könnte, kurz innezuhalten und wahrzunehmen, wo du das Inakzeptable schon viel zu lange akzeptierst.

Ich lade dich durchaus dazu ein, die volle Verantwortung zu übernehmen für alles, was du selbst ändern kannst.

Ich lade dich aber genauso dazu ein, Stopp zu sagen.

Es gibt Dinge, die musst du nicht akzeptieren.

Ein Akt der Rebellion

Dieser Weg wird nicht einfach. Wenn du beginnst, deinen Wert wahrzunehmen und einzufordern, wirst du gewaltig anecken. Das ist nicht gerade das, was man in unserer Gesellschaft von einem Künstler erwartet. Du wirst Schlupflöcher in verkrusteten Strukturen finden müssen. Und manchmal wirst du vielleicht sehr frustriert sein.

Aber: Ich persönlich bin lieber frustriert, indem ich meinen eigenen Weg suche als mit der Frustration der Systeme zu kämpfen, in die ich mich als kreativer Mensch einfügen soll. Und funktioniert hat es ja auch nicht, denn ich war ja brav und bin trotzdem gescheitert.

Mein erster Akt der Rebellion war die Aufkündigung sämtlicher zukünftiger Projekte mit beschriebenen Personen. Ich weiß nicht, wie es weitergeht. Aber es fühlt sich gut an. :-)

Mein zweiter Akt der Rebellion nimmt in Form der Kreativ-Oase Gestalt an. Denn ich glaube daran, dass wir als Künstler und Kreative zusammenhalten sollten. Wenn wir unser Selbstwertgefühl durch die Gemeinschaft nach oben treiben, wenn wir gemeinsam lernen, uns gegenseitig halten und uns auch ganz praktisch gegenseitig unter die Arme greifen, dann können wir sehr viel mehr verändern, als wenn jeder von uns mit seinen eigenen Problemen vor sich hin köchelt.

Vielleicht fühlst ja auch du dich von dem Konzept dieser Gemeinschaft angesprochen? Weitere Infos findest du hier.

Ach ja, und nebenbei hast du an diesem Artikel eines gelernt:

Du kannst deine Wut und Enttäuschung wunderbar in kreative Energie umwandeln. Ich bin der lebende Beweis dafür. :-)

Bist du auch schon mit Projekten gescheitert? Ist Scheitern vermeidbar oder gehört es einfach dazu? Was sind deine Tipps für Künstler, die immer wieder scheitern? Ich freue mich auf deinen Kommentar.

Lass uns gemeinsam Schwellentrolle jagen!

Liebe Grüße,

Marie